Es gibt keine Langeweile mehr – psychologische Gesundheit durch Leerlauf
- Pia Weßling
- 10. Juni
- 3 Min. Lesezeit
Vor wenigen Jahrzehnten war Langeweile ein selbstverständlicher Bestandteil des Lebens.
Kinder warteten an Bushaltestellen. Jugendliche saßen im Zug und blickten aus dem Fenster. Man stand in einer Schlange, lief zur Schule, wartete auf Freunde oder lag einfach auf dem Bett und hing seinen Gedanken nach.
Heute ist das anders.
Jeder freie Moment wird gefüllt. Der Griff zum Smartphone erfolgt oft automatisch. Der Weg zur Schule wird von TikTok begleitet. Die Wartezeit beim Arzt von Instagram. Selbst der Gang zur Toilette wird für viele Jugendliche zur Gelegenheit, noch schnell einige Videos anzusehen, Nachrichten zu beantworten oder durch soziale Medien zu scrollen.
Es gibt kaum noch Leerlauf.
Und genau das könnte ein Problem sein.
Die verlorene Fähigkeit, allein mit sich selbst zu sein
Der Psychoanalytiker und Kinderarzt Donald Winnicott beschrieb bereits in den 1950er Jahren die Fähigkeit, allein sein zu können, als einen wichtigen Entwicklungsschritt des Menschen.
Gemeint war damit nicht Einsamkeit, sondern die Fähigkeit, mit den eigenen Gedanken, Gefühlen und inneren Zuständen in Kontakt zu bleiben, ohne sofort nach äußerer Ablenkung zu suchen.
Diese Fähigkeit entsteht nicht von selbst.
Sie entwickelt sich in den vielen kleinen Momenten des Alltags, in denen nichts passiert.
Wenn ein Kind im Auto sitzt und aus dem Fenster schaut. Wenn ein Jugendlicher auf den Bus wartet. Wenn eben Langeweile entsteht.
Gerade in diesen scheinbar unproduktiven Momenten beginnt das Gehirn zu arbeiten. Erinnerungen werden verarbeitet, Fantasien entstehen, Gedanken werden geordnet, Konflikte innerlich bewegt.
Langeweile ist keine ungute Situation, die es zu vermeiden gilt. Langeweile ist ein Entwicklungsraum.
Das Gehirn braucht Leerlauf
Die Neurowissenschaften bestätigen mittlerweile, was Pädagogen und Psychologen seit Langem beobachten.
Wenn Menschen nicht aktiv auf eine Aufgabe konzentriert sind, wird im Gehirn ein Netzwerk aktiv, das als „Default Mode Network“ bezeichnet wird.
Dieses Netzwerk spielt eine wichtige Rolle für Selbstreflexion, Identitätsentwicklung, Zukunftsplanung, Kreativität und emotionale Verarbeitung.
Das Gehirn nutzt Phasen des Nichtstuns, um Erfahrungen zu integrieren und die eigene innere Welt zu organisieren.
Wer jede freie Sekunde mit neuen Reizen füllt, nimmt sich einen Teil dieser Möglichkeit.
Warum Social Media keine Pause ist
Viele Jugendliche erleben Social Media als Entspannung nach Schule, Arbeit und Zusammensein mit anderen.
Psychologisch betrachtet handelt es sich jedoch oft nicht um Erholung, sondern um Reizwechsel. Das Gehirn bekommt nicht weniger Input - es bekommt anderen Input.
Statt Mathematik gibt es TikTok.
Statt Unterricht Instagram.
Statt Warten YouTube.
Die Aufmerksamkeit bleibt jedoch dauerhaft gebunden.
Wirkliche Erholung entsteht anders.
Sie entsteht durch Momente, in denen das Gehirn nicht auf neue Reize reagieren muss.
Genau diese Momente werden zunehmend selten.
Die Angst vor dem leeren MomentDer Philosoph Blaise Pascal schrieb bereits im 17. Jahrhundert über die Menschen:
„... wenn ihnen, nachdem sie sich mit so viel Geschäften belastet, einige Zeit zur Erholung bleibt, so suchen sie noch dieselbe an irgend eine Zerstreuung zu verlieren, welche sie völlig in Anspruch nimmt und sie sich selbst entzieht”
Gewiss, in altertümlicher Sprache und dennoch sind diese Überlegungen in seiner berühmten Sammlung „Pensées“ grundsätzlicher Natur und aktuell:
Menschen suchen häufig Ablenkung, um unangenehmen Gedanken, Unsicherheiten oder inneren Konflikten zu entgehen.
Vierhundert Jahre später haben wir technische Möglichkeiten entwickelt, die jede Form von Ablenkung jederzeit verfügbar machen.
Das Smartphone ist zur universellen Fluchtmöglichkeit geworden.
Sobald ein Moment von Leere entsteht, steht die nächste Ablenkung bereit.
Ein Klick genügt.
Für Kinder und Jugendliche bedeutet das jedoch auch, dass sie immer seltener lernen, mit Frustration, Langeweile oder innerer Unruhe umzugehen.
Kreativität entsteht nicht im Dauerfeuer
Viele Eltern beobachten heute ein merkwürdiges Phänomen:
Kinder wirken ständig beschäftigt und gleichzeitig erstaunlich einfallslos.
Das ist kein Widerspruch.
Kreativität entsteht selten unter permanenter Stimulation.
Sie entsteht häufig genau dann, wenn zunächst nichts geschieht.
Wer sich als Kind gelangweilt hat, kennt diesen Prozess:
Erst kommt die Unruhe.
Dann das Nörgeln.
Dann das Herumlungern.
Und irgendwann entsteht eine Idee.
Ein Spiel.
Eine Geschichte.
Ein Gespräch.
Eine Zeichnung.
Eine Erfindung.
Langeweile ist oft die Geburtshelferin von Kreativität.
Wer sie dauerhaft vermeidet, verzichtet möglicherweise auf eine wichtige Quelle der eigenen Entwicklung.
Vielleicht werden wir eines Tages auf unsere Zeit zurückblicken und uns wundern.
Nicht darüber, dass Kinder und Jugendliche Smartphones besaßen.
Sondern darüber, dass wir zugelassen haben, dass nahezu jeder untätige Moment ihres Lebens von digitalen Reizen besetzt wurde.